Vom Fliegenfischen zum Eiszeitrelikt
Warum ich an das IGB Stechlin gekommen bin? Weil ich mich für die Organismen im Wasser interessiere. Und das schon seit meiner Kindheit. Mit dem Fliegenfischen an Ruhr und Lenne hat alles angefangen. Da habe ich mir die Frage gestellt, was die Fische wohl fressen. Ich sehe mich noch mit meinem Kescher im Fluss stehen. Jeden Stein im Wasser habe ich umgedreht und die aquatischen Insektenlarven bestaunt, die sich darauf tummelten.
Hier am IGB arbeite ich über einen kleinen Ruderfußkrebs. Die Art heißt Eurytemora lacustris. Sie ist ein Relikt aus der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren. In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Seen, in denen sie vorkommt. Eurytemora liebt kalte, tiefe, sauerstoffreiche Seen – Bedingungen, die sie hier im Stechlinsee, ihrem südlichsten Verbreitungspunkt, noch findet. Was aber aus ihr wird, wenn der Klimawandel weiter fortschreitet, ist unbekannt. Das möchte ich in meiner Doktorarbeit herausfinden.
Während Eurytemora im Winter in allen Wassertiefen anzutreffen ist, zieht sich die Art im Sommer ins kalte Tiefenwasser zurück. Doch da sich das Tiefenwasser im Zuge des Klimawandels verändern wird – wir rechnen damit, dass die Temperatur langfristig ansteigt und der Sauerstoffgehalt sinkt – kann es sein, dass es den Tieren auch in der Tiefe zu ungemütlich wird. Im Seelabor wollen wir diese künftige Klimasituation simulieren, und ich werde untersuchen, wie Eurytemora darauf reagiert. Zieht sich die Art vielleicht in eine schmale Wasserschicht zurück, wo sie noch einigermaßen gute Bedingungen vorfindet? Oder verschwindet sie womöglich ganz aus dem Ökosystem?
Wieso – denken Sie jetzt vielleicht – sind denn gerade diese, mit bloßem Auge kaum sichtbaren Tiere so wichtig? Ein Grund ist, dass Eurytemora lacustris gerade in den Wintermonaten im Stechlinsee eine bedeutende Rolle im Nahrungsnetz spielt. Und ein anderer, dass sie beiträgt zur Biodiversität, der biologischen Vielfalt, die derzeit weltweit rasant zurückgeht. Es liegt in unserer Verantwortung, die Gründe für diesen Rückgang zu erforschen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Jörg Sareyka
ist seit November 2011 Doktorand in der Forschungsgruppe von Peter Kasprzak am IGB Stechlin. Er studierte Biologie an der Ruhruniversität in Bochum und arbeitete während seiner Diplomarbeit in Finnland über Flohkrebse. Seine Doktorarbeit führt er im Rahmen des Projekts «TemBi – Klimagetriebene Veränderungen der Biodiversität von Mikrobiota» durch, das die Leibniz-Gemeinschaft finanziert.


